Für Aufregung sorgten am 21.
April 2017 Nachrichten, in denen behauptet wurde, dass ein
italienisches Gericht einen Hirntumor als Folge häufigen
Telefonierens mit dem Handy als Berufskrankheit
"anerkannt" habe. Anwälte des Betroffenen behaupteten,
damit sei weltweit zum ersten Mal häufige Handynutzung von einem
Gericht als Ursache eines Hirntumors "anerkannt"
worden.
Was war tatsächlich
geschehen?
Der jetzt 57-jährige
italienische Fernmeldetechniker Roberto Romeo hatte die italienische
Arbeitsunfallversicherung "INAIL" im Jahre 2013 auf
Zahlung einer Rente verklagt. Bei dem Mann war zuvor ein gutartiger
Tumor, ein sog. "Akustikneurinom", im Bereich des
rechten Ohres diagnostiziert worden. Der Tumor wurde operativ
beseitigt; in diesem Zusammenhang musste auch der Hörnerv
entfernt werden.
Der Betroffene ist der
Meinung, dass der Tumor auf die häufige berufliche Nutzung von
Diensthandys zurückzuführen ist, die er über einen Zeitraum
von rd. 15 Jahren täglich drei bis vier Stunden benutzte. Die
Versicherung widersprach dem.
Die Turiner Anwaltskanzlei Ambrosio & Commodo (A&C) nahm sich
des Falls an. A&C war in der Vergangenheit bereits als
Vertretung von "Mobilfunkopfern" in Erscheinung
getreten. Sie war es auch, die den aktuellen Fall in die Presse
brachte.
Das zuständige Gericht in
der norditalienischen Ortschaft Ivrea beauftragte den
Epidemiologen Dr. Paolo Crosignani vom nationalen Krebsinstitut
in Milano mit der Erstellung eines Gutachtens.
Am 30. März 2017 urteilte das Gericht
schließlich, dass die Versicherung dem Betroffenen aufgrund
einer Erwerbsminderung von 23 Prozent eine Rente zu zahlen habe.
Neue wissenschaftliche
Erkenntnisse liegen dem Gutachten und dem Urteil offensichtlich
nicht zugrunde. Es stützt sich vielmehr weitgehend auf Bewertungen
altbekannter, zum Teil umstrittener Studien. Ein Mitarbeiter des Leibniz-Instituts
für Präventionsforschung, hält das Urteil in einem Interview mit dem MDR denn auch für
"wissenschaftlich eher fraglich".
Auch die Behauptung der
Anwaltskanzlei A&C, mit dem Urteil sei erstmalig in der Welt
die Nutzung eines Handys als Ursache für einen Gehirntumor
anerkannt, ist nicht aufrechtzuerhalten, Das österreichische
Mobilfunk-Portal "FMK" widersprach der Behauptung noch
am selben Tag: Bereits im Jahre 2012 habe es in Italien ein
ähnliches arbeitsrechtliches Verfahren gegeben. Das FMK nimmt
auch Stellung zu den umstrittenen Hirntumor-Studien des schwedischen
Krebsforschers Lennart Hardell, die ebenfalls zur Bewertung des
Falls herangezogen wurden.
Das (italienischsprachige)
Urteil des Gerichts kann im Internet unter http://t1p.de/5rqr heruntergeladen
werden, das Gutachten ist unter http://t1p.de/vhzg zu finden.